Chemnitz Markersdorf 09./10.10. — ein Augenzeugenbericht

Es ist Freitag Nachmittag in Chemnitz und wie so oft schon in den vorangegangenen Wochen hat sich in Sachsen eine selbsternannte Bürgerwehr gegen die Nutzung einer wie auch immer gearteten, leer stehenden Fläche als Flüchtlingsunterkunft gebildet. Dieses Mal gegen die Nutzung der Turnhalle in der Markersdorfer Straße 64. Über Twitter ist zu erfahren, dass es, wie auch schon in Einsiedel, Heidenau und zahlreichen anderen sächsischen Orten, zu Protestaktionen von aufgebrachten Anwohnern und Neonazis gekommen ist, die seit dem Nachmittag anhalten. Flüchtlinge würden gegen den Einzug in die Halle protestieren, da sie sich dort nicht sicher fühlen.

Gegen 20:00 Uhr bietet sich vor Ort für den geneigten Beobachter ein bizarres Bild. Eine Menschenmenge von ca.150 Personen ist auf einem Parkplatz versammelt, der sich an ein, an die Schule angrenzendes, parkähnliches Areal anschließt. In jenem Park auf einer Grünfläche unter 2 Bäumen sitzen die streikenden Geflüchteten auf ihren Habseligkeiten und verweigern den Einzug in die Halle. Einige Kinder spielen dazwischen Fußball. Eine engagierte Familie aus dem Viertel versucht sich mit einigen Brocken Englisch sowie Händen und Füßen mit den Flüchtlingen zu verständigen. Vereinzelt sind weitere Unterstützer vor Ort. Dominiert wird die Szene allerdings von der Menschenmenge auf dem Parkplatz, welche, teils angetrunken, mit Kamerahandys Fotos und Videos von den Streikenden anfertigt. Bizarr ist die Situation deshalb, weil es an einen Wandertag einer Schulgruppe in einen Zoo erinnert. Nur mit dem Unterschied, dass es keine Zootiere sind, die begafft und fotografiert werden, sondern Menschen, welche gerade aus Kriegsgebieten geflüchtet sind und sich vermutlich nichts sehnlicher wünschen, als endlich ein wenig Ruhe zu finden. Darüber hinaus sind es keine pubertierenden Zehntklässler, die hier Fotos schießen und für eine bedrohliche Kulisse sorgen, sondern eine Masse aus Wutbürgern, die dem Aufruf der lokalen Bürgerinitiative gefolgt sind, gemischt mit einigen klassischen 90er Jahre Naziskins und einer nicht kleinen Thor Steinar/Yakuza tragenden Hooligan-Fraktion. Bizarr wirkte weiterhin das Vorgehen - oder besser Nicht-Vorgehen - der Polizei gegenüber den Flüchtlinge bepöbelnden, teils zu diesem Zeitpunkt schon stark alkoholisierten Kundgebungsteilnehmern. Diese hatten an diesem Freitagabend offensichtlich nichts besseres zu tun, als die teils minderjährigen Geflüchteten aufzufordern, in ihr Heimatland zurückzukehren, wenn es ihnen denn in einer Sammelunterkunft ohne Rückzugsraum und Privatsphäre im Sardinen-Feldbett nicht gefällt.
Im Verlauf des Abends entspannte sich die Situation zunächst. Der gaffende Mob auf dem Parkplatz wurde kleiner, die Unterstützer der Geflüchteten wurden etwas mehr, man kam sich, wieder mit Händen, Füßen und Wortfetzen in Arabisch und Englisch, etwas näher. Zwischenzeitlich gab es einige Vermittlungsversuche seitens der Feuerwehr, der Polizei sowie städtischen Offiziellen, um die Streikenden zum Einzug in die Unterkunft zu bewegen. Diese schienen allerdings erfolglos zu verlaufen, da sich nur einzelne Familien mit Kindern überreden ließen, das vorgesehene Quartier in der Halle zu beziehen. Diese wurden dann im Polizeispalier mit einer sich darum organisierenden Traube an Gaffern unter ansteigendem Geräuschpegel zur Unterkunft eskortiert.
Bis etwa 22:00 Uhr gingen die meisten Wutbürger nach Hause, zurück blieben 2–3 kleine Grüppchen überwiegend junger Männer, die Bier und Kirschlikör tranken. Das Volksfest „Geflüchtete Familien blockieren“ neigte sich dem Ende entgegen. Gegen 0:00 Uhr war der Parkplatz fast leer, nur einzelne junge Männer, teils allein, teils in Kleingruppen, schauten immer mal wieder nach, was noch so los ist. Zurück blieben ein paar Unterstützer, welche die noch ca. 30 Personen umfassende Gruppe Geflüchter mit Tee und Decken versorgten, die von diesen dankbar angenommen wurden. Die im Tagesverlauf anwesenden Einsatzkräfte der Feuerwehr waren bereits abgezogen, auch die Reihen der Polizei dünnten sich aus. Die Personen aus dem Viertel, welche den in die Halle ziehenden Flüchtlingen im Abendverlauf noch fleißig beim Tragen geholfen hatten, hatten sich auch längst zur wohlverdienten Nachtruhe zurückgezogen. 
Gegen 01:15 Uhr zeigten sich Anzeichen, dass die noch verbliebenen zwei Mannschaftswagen der Polizei abrücken wollten. Auf Nachfragen seitens der noch verbliebenen Unterstützer, wie denn die Sicherheit der Menschen im Park nach den Ereignissen des Nachmittages und Abends auch unter dem Eindruck der letzten Tage und Wochen an anderen Standorten in Sachsen gewährleistet werden solle, kam vom Einsatzleiter Herrn W. die Information, das sei nach erfolglosen Dialogversuchen im Tagesverlauf nicht mehr ihr Problem. So blieben die Geflüchteten in der Kälte mit einer kleinen Unterstützergruppe schutzlos zurück. 
Dass diese Handlung seitens der Polizei eine fatale Fehlentscheidung war, zeigte sich nur wenige Augenblicke nach Abzug des letzten Streifenwagens. Aus einem Gebüsch neben der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, vermutlich von der Meinersdorfer Straße kommend und auf den Abzug der Einsatzkräfte lauernd, stürmten plötzlich ca. 15–20 Neonazis, grölend und mit Schlagstöcken bewaffnet, auf die Gruppe zu und griffen die verbliebene Unterstützergruppe sowie die noch ausharrende Flüchtlingsgruppe an. Dann ging alles schnell, eine Autoscheibe eines grauen Kleinwagens, wohl unter der Annahme, dieser gehöre zu den Unterstützern, wurde zerstört und eine Person am Kopf verletzt, sodass diese sich eine Platzwunde zuzog. Die zwischenzeitlich wieder aufgetauchte Polizei konnte einen der Täter stellen, beim Filzen entglitt ihm ein Teleskopschlagstock aus der Kleidung. Personalien wurden aufgenommen (allerdings nicht von allen anwesenden Zeugen), ein Krankenwagen wurde gerufen, der den Verletzten in eine Klinik fuhr. Ziel der Angreifenden war definitiv Anwesende so stark wie möglich zu verletzten, teilweise wurden einzelne Personen zu siebt attackiert, was einen Krankenhaus besuch unumgänglich machte.
Der Schock saß bei allen Anwesenden tief. Unter sprachlicher Vermittlung einer gut Englisch sprechenden jungen Frau wurde eine Lösung für die Situation gesucht. Die Unterstützergruppe riet dringlich von einem weiteren Verbleib unter freiem Himmel ab. Der Einzug in die Halle wurde weiter abgelehnt, vordergründig aus Angst. In einer nun recht emotionalen Debatte berichteten die Streikenden von ihrer Ankunft an der Unterkunft, dass ihnen von der Menschenmenge der Mittelfinger gezeigt worden sei, eine Familie mit Eiern beworfen wurde und die Grundstimmung insgesamt aggressiv und ablehnend den Ankommenden gegenüber war. Es wurden verschiedene Szenarien, bis hin zur logistischen Mammutaufgabe, die Menschen zunächst in Privatwohnungen unterzubringen, durchgespielt. Die im wahrsten Sinne Rettung in der Not kam dann durch die Öffnung der Türen der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde, welche in christlicher Nächstenliebe ihre Räumlichkeiten für die Geflüchteten zur Verfügung stellte. Die nach wie vor anwesenden Unterstützer halfen beim Tragen der Habseligkeiten in das Gemeindehaus und organisierten noch kurzfristig Matratzen, welche auf dem Boden ausgelegt wurden und mit den bereits verteilten Decken und Schlafsäcken zumindest eine provisorische Unterkunft darstellten. Ein gemeinsamer Becher Tee stellte vorerst den Abschluss einer turbulenten Nacht dar. Da nun davon ausgegangen wurde, dass die Menschen in den Räumen der Gemeinde sicher seien, weil die Abendlandverteidiger ja sicherlich kein Gemeindehaus angreifen werden, ging die Unterstützergruppe gegen 04:00 Uhr auseinander. Dass man sich auch in der Annahme, niemand könne so respektlos, dreist und kaltherzig sein, Schutzsuchende in einem Gemeindehaus anzugreifen, getäuscht hatte, sollte sich im Verlauf der Nacht leider noch zeigen. Wie am nächsten Morgen in der Presse zu lesen war, warfen Unbekannte nach dem Abzug der Unterstützer mehrere Fensterscheiben der Kirchengemeinde ein, wobei mindestens eine Person am Kopf verletzt wurde.
Die Ereignisse von Markersdorf werfen viele Fragen auf:
Wie kann es sein, dass sich eine große Anzahl an Menschen, die nicht müde werden zu kritisieren, dass ja nur junge Männer aus Nicht-Konfliktgebieten hierher kommen, zusammenfinden und Kurdisch und Arabisch sprechenden Familien einen derartigen Empfang bereiten? Haben diese Menschen auch nur noch einen Funken Anstand und Mitgefühl? 
Wie kann es sein, dass die Polizei kein Konzept findet, um eine aggressive Menschenmenge teils schwer alkoholisierter Wutbürger und Neonazis daran zu hindern, ihren Unmut über die Nutzung der Turnhalle als Flüchtlingsunterkunft an den Betroffenen auszulassen? 
Wie kann es sein, dass es in einer Demokratie in einem der reichsten Länder der Welt im globalisierten 21. Jahrhundert noch immer Individuen gibt, die einem derart menschenverachtenden Weltbild folgen, um vor Gewalt gegenüber Andersdenkenden und gegenüber Menschen anderer Kulturen nicht zurückzuschrecken? 
All diese Fragen werden auch am Tag danach ohne Antwort bleiben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Menschen in diesem Land, die angepeitscht von dumpfen Parolen und geschürten Vorurteilen auf der Welle der subjektiven Unzufriedenheit schwimmen, endlich aufwachen. Denn sonst sind die Ereignisse von Hoyerswerde und Lichtenhagen sicher nicht mehr weit.
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