Gespräch mit Bewohner des Refugee-protest-camps in Chemnitz

Seit Dienstag protestieren vor der sächsischen Asyl-Erstaufnahmestelle in Ebersdorf Geflüchtete dafür, dass endlich ihre Asylanträge (teilweise vor 14 Monaten gestellt) beschieden werden. Sie haben ein Protestcamp errichtet. Aktuelle Informationen zum Camp gibt es hier. Im Rahmen des Camps ist auch dieses Gespräch zwischen einem chemnitzer Unterstützer (I) und einem der Refugees (X) entstanden. I: „Hallo, darf ich mit dir reden und dir einige Fragen stellen?“

X „Hmmmm.“

I: „Ich heiße Falk, verrätst du mir deinen Namen?“

X „Das würde ich lieber nicht tun.“

I: „Okay, kein Problem. Seit wann bist du hier?“

X: „Wir sind heute Morgen angekommen.“

I: „Woher stammst du?“

X: „Syrien. Damaskus.“

I: „Du bist wegen des Krieges mit dem IS geflüchtet?“

X: „Vor allem wegen dem IS. Ich bin Christ und die töten mich, wenn sie mich kriegen.“

I: „Christ? Ich muss gestehen, das habe ich jetzt nicht erwartet. Alle Syrer, die ich heute kennengelernt habe, waren Muslime.“

X: „Ja, viele sind Muslime. Aber es sind auch Christen und Hindus dabei.“

I: „Leben in Syrien noch viele Christen? “

X: „Nein, mittlerweile nicht mehr. Viele wurden hingerichtet. Vor 5 Jahren war das anders. Christen, Muslime, Hindus und andere Religionen lebten weitestgehend friedlich nebeneinander. Christen eher in den großen Städten.“

I: „Ich muss gestehen, das wusste ich so nicht. Und deine Familie? Ist die noch in Syrien?“

X; „Ja, die mussten da bleiben.“

I: „Wieso? Ist das nicht gefährlich?“

X: „Sehr sogar. Ich würde sie gern da raus holen.“

I: „Wäre es nicht besser gewesen sie zuerst zu schicken? Hättest du nicht eher die Chance zu kämpfen?“

X: „Frauen haben in Syrien nicht die selbe Ausbildung wie Männer. Wie sollen sie arbeiten? Man muss das so herum machen.“

I: „Wie willst du das machen?“

X: „Ich bin studierter Neurologe. Ich kann arbeiten. Und wenn ich genug Geld habe, kann ich Helfer bezahlen, die sie nach holen.“

I: „Da ist ein etwas schwieriges Ziel. Ein Asylantrag hier wird Monate dauern.“

X: „Ich weiß. Ich habe bereits 2 Jahre in der Türkei gewartet. Hoffte dass der Krieg und der IS schnell vorbei sind. Aber mittlerweile sieht es so aus, als müssten wir uns nach einem anderen Ort zum leben umsehen.“

I: „Und warum Deutschland?“

X: „Man hat uns gesagt, hier werden Ärzte gebraucht. Die beiden Männer da drüben sind auch aus der Klinik in der ich gearbeitet habe.“

I: „War es einfach für euch, Syrien zu verlassen?“

X: „Nein, der IS kontrolliert die Grenzgebiete. Wir mussten nachts durch Gänge gehen und hoffen nicht entdeckt zu werden.“

I: „Hat das Geld gekostet? “

X: „Ja klar.“

I: „Würdest du mir sagen wie viel?“

X: „4000 US Dollar.“

I: „Wie kannst du dir das leisten.?“

X: „Ich bin Arzt .….“

I: „Und das heißt du hast vor dem Krieg durchaus gut verdient?“

X: „Ja sicher. Ich habe manchmal das Gefühl hier, die Menschen denken wir sind alles Bauern, die den ganzen Tag in Hütten leben und Kühe züchten:“

I: „Ich muss gestehen, meine Kenntnisse über Syrien sind auch spärlich. “

X: „Vor dem IS war Syrien ein hoch modernes Land. Ich war heute Morgen hier in dieser Stadt im Bahnhof. Der in Damaskus war moderner. “

I: „Du warst am Bahnhof?“

X: „Ja, ich bin heute Morgen angekommen.“

I: „Von wo?“

X: „Aus Ungarn.“

I: „Welche Reiseroute hast du genommen um hier her zu kommen? “

X: „Aus der Türkei bin ich nach Griechenland, Mazedonien und Bulgarien gekommen. Dann habe ich zwei Wochen in einem Lager in Bulgarien verbracht. In Ungarn mussten wir 2 Wochen durch den Wald laufen um nicht von der Polizei entdeckt zu werden.“

I: „Das Zugticket hast du selbst bezahlt?“

X: „Natürlich.“

I: „Also hast du noch Geld an dir?“

X: „Ja, noch etwa 100 €. Dann ist alles weg was ich hatte:“

I: „Mit wie viel bist du gestartet?“

X: „5000€ US Dollar. In Bulgarien wollte die Polizei etwa 1000 haben um uns weiter zu lassen.“

I: „Offiziell? Eine Strafe? Oder Erpressung?“

X:“ Ich weiß es nicht.“

I: „Die nächste Frage ist vielleicht schwierig. Wenn du nicht antworten willst, ist das okay. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Mitbewohnern hier auch Menschen sind die den IS sympathisieren oder andere radikale Terroristen.“

X: „Das ist schwer zu sagen. Aber ich denke nicht. Man erkennt die relativ schnell. Wie sie reden, wie sie andere behandeln. Außerdem haben viele hier Freunde und/oder Familie verloren. Die denke nicht, dass IS Kämpfer lange überleben würden.“

I: „Das klingt positiv. Wie konnte es dazu kommen, dass der IS so stark geworden ist?“

X: „Ich will dir nicht zu nahe treten, aber die Waffen und das Geld kommen zu großen teilen aus Europa.“

I: „Ich fürchte damit schockierst du mich nicht, dessen bin ich mir bewusst, kann es aber nicht verhindern.“

X: „Ich weiß.“

I: „Ist die Kleidung, die du an hast, alles was du hast?“

X: „Ja. ich hatte noch ein zweites paar Schuhe und Hosen. Aber die habe ich in Bulgarien einem gegeben, den man ausgeraubt hat.“

I: „Du trägst eine Gürteltasche. Ist da alles drinnen, was du noch besitzt?“

X: „Ja,“ öffnet Gürteltasche und zeigt Inhalt. Ein Mini-Tablett von HTC, ein Smartphone, Socken, ein Notizbuch, Stifte, eine Geldbörse und Tabletten. „Das ist alles was ich noch habe.“

I: „Das Smartphone und das Tablett sind noch aus syrischen Zeiten?“

X: „Das Tablett ja, das hatte ich in der Klinik. Das Telefon habe ich in der Türkei gekauft um meine Familie anrufen zu können.“

I: „Kann man dir irgendwie helfen? Brauchst du Essen, Trinken? irgendwas?“

X: „Nein, ich habe vorhin von den Rettungskräften Wasser und eine Decke erhalten, das geht. Danke:“

I: „Was wenn der Krieg morgen vorbei ist. Wölltest du zurück gehen?“

X: „Selbstverständlich. Das ist mein Land. Meine Kultur. Ich bin da aufgewachsen. Hier kenne ich niemanden, spreche die Sprache nicht und selbst wenn ich arbeiten dürfte, Freunde und Familie sind da.“

 

An dieser Stelle wird das Gespräch vom Sicherheitsdienst unterbrochen.

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