„Freund und Helfer“ (FP-Freitag, den 15. Februar 2013)">Freund und Helfer“ (FP-Freitag, den 15. Februar 2013)

Freund und Helfer

Diesen Erfolg hätte im Vorfeld kaum einer für möglich gehalten. Klar, schon 2010 und 2011 war es Tausenden Menschen gelungen, den Neonazis in Dresden Einhalt zu gebieten. Was sich nach der Wende langsam zum größten Aufmarsch von Rechtsextremisten in Europa auswuchs, endete zuletzt im unfreiwilligen Wartestand an einem der Dresdner Bahnhöfe. Stundenlange Anreise, raus aus dem Zug, stundenlanges Auf-den-Füßen-Rumstehen, rein in den Zug, stundenlange Abreise — solche Erfahrungen sind der Reisefreude eher abträglich. Und genau darauf setzen ja auch die vielfältigen Protestaktionen der Nazi-Gegner.

Nun nahmen sie den Neonazis auch den symbolträchtigen alljährlichen Fackelzug am Abend des 13. Februar. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum
Ziel, ihnen den Missbrauch der Jahrestage alliierter Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg ein für alle Mal auszutreiben. Aber selbst Dresden hat Jahre gebraucht, bis sich der Widerstand formierte. Längst rufen die Neonazis zu Trauermärschen in anderen Städten auf, etwa am 5. März in Chemnitz oder am 13. April in Plauen. Viel spricht dafür, dass sich die Szene nun eben auf kleinere Städte verlegt.

Dagegen hilft aber nicht nur, dass sich möglichst viele Bürger raus auf die Straße trauen — ob als Teil einer Menschenkette oder durch Protest in Hör– und Sichtweite oder gleich durch die friedliche Besetzung der eigenen Stadt. Es bedarf auch einer angemessenen Strategie der Polizei. Die Rechtslage gibt ihr durchaus Spielräume an die Hand, und wenn der Dresdner Polizeipräsident Dieter Kroll um sie weiß, dürften sie auch seinem Chemnitzer Kollegen Uwe Reißmann bekannt sein. Chemnitz musste bislang immerhin den zweitgrößten Nazi-Aufmarsch in Sachsen ertragen. Auch 2012 konnten die Rechtsextremen laufen, obwohl es deutlich mehr
Gegendemonstranten gab. Der Dresdner Kroll hat sich bei seiner Entscheidung, friedliche Nazi-Gegner nicht räumen zu lassen, „von
Grundrechtsabwägungen und Verhältnismäßigkeitsüberlegungen leiten lassen“, wie er sagt. Dass sich Übergriffe auf Polizisten verbieten, versteht sich von selbst. Im Grunde teilt man dasselbe Ziel. Wie schrieb die Polizei in ihrem Ticker vorgestern Abend? „Dresden ist faktisch nazifrei.“ Und so soll es auch in Chemnitz sein.

Tino Moritz

Publikation     Freie Presse
Lokalausgabe     Chemnitzer Zeitung
Erscheinungstag     Freitag, den 15. Februar 2013
Seite 4

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